Peer Gynt und die alternativen Fakten

Eberhard Busch inszeniert in Auerbachs Kellertheater Henrik Ibsens dramatisches Gedicht / Umjubelte Vorpremiere für Förderverein.

 

Märchenhaft: Ibsens dramatisches Gedicht „Peer Gynt“ feiert am Samstag, 6. Mai, in Auerbachs Kellertheater in Staufen Premiere. Foto: Hans Jürgen Kugler

STAUFEN. Schwelgen in einem märchenhaften Gespinst aus Lügen lässt Eberhard Busch seine Zuschauer in der Aufführung von „Peer Gynt“, die der „Förderverein Auerbachs Kellertheater“ anlässlich des 30. Jubiläums als Dankeschön für seine Unterstützung bereits im Vorfeld der eigentlichen Premiere sehen durfte.

Dass Ibsens dramatisches Gedicht auf dem Spielplan steht, hat einen ganz besonderen Grund, denn die Geschichte des Aufschneiders Peer Gynt wurde von Eberhard Busch schon vor 20 Jahren aufgeführt. Damals mit auf der Bühne stand seine hochschwangere Frau Jasmin Islam. Für Sohn Jonathan ist das jetzt also quasi der zweite Auftritt in Ibsens Stück – mit dem kleinen Unterschied, dass er dieses Mal die Hauptrolle besetzt. Und wie. Übermütig und ungestüm gibt er den Fantasten Peer Gynt, der sich mit wilden Geschichten aus der Realität träumt und sein Umfeld mit, heute würde man sagen, alternativen Fakten, zum Narren hält.

„Peer, du lügst“ – der Vorwurf seiner Mutter Aase zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte. Zwischen dem Wunsch, nicht er selbst sein zu müssen und der Sehnsucht nach Anerkennung, Liebe und Geborgenheit, die seinem Freiheitsdrang entgegensteht, rast der Bauernsohn durch das Leben und findet sich auf der Suche nach dem großen Abenteuer zunächst in einer Märchenwelt voller Trolle und Dämonen wieder. Zauberhaft-gruselig ist die Halle des Dovre-Alten (im Kostüm: Julia Hochscheidt), ausgestattet mit Plüschgeiern und abgehackten, sprechenden Händen, wo Peer Gynt erfährt „Draußen im Sonnenstrahl ruft man sich zu/ Als heimlichste Weisheit: ‚Mensch, sei Du!‘ /Hier aber unter uns Trollen heißt klug/ geredet: ‚Troll, sei Du – Dir genug“‘
Als die von ihm verschmähte Trolltochter „Die Grüne“ Peer Gynt den gemeinsamen Sohn präsentiert, verlässt er Solveig – nicht ohne ihr das Versprechen abzunehmen, auf ihn zu warten. Er begibt sich um die halbe Welt, immer auf der Flucht vor sich selbst und getrieben von dem Wunsch, sich Kaiser nennen zu dürfen.

Im zweiten Teil teilen sich Jonathan und Eberhard Busch die Rolle des jetzt älteren Peer Gynt und erzählen in überheblicher Dandy-Manier gemeinsam von den Abenteuern, die er erlebt hat. Vom Sklavenhandel in Marokko, von seinem Aufenthalt in einer Irrenanstalt in Kairo. Egoismus, Angst, Selbstbetrug – durch die Doppelbesetzung der Rolle wird die innere Zerrissenheit des Protagonisten, der betrügt und betrogen wird, gewinnt und verliert, noch zusätzlich unterstrichen. Denn die innere Leere ist immer noch da.

Die weiblichen Hauptrollen werden, wie schon vor 20 Jahren, von Yasmin Islam gespielt. Egal, ob als Peers verhärmte Mutter Aase, seine große Liebe Solveig, die untreue Braut Ingrid, als wutschäumende „Grüne“ oder als „Knopfgießerin“, die Peer Gynts Seele fordert – die Schauspielerin zieht alle Register ihres Könnens und verwandelt sich blitzschnell und vor allem glaubhaft von einer alten Frau in ein verführerisches Mädchen. Besonders berührend gerät die Sterbeszene von Aase, wenn der Sohn seine Mutter liebevoll umarmt und auf eine fantasievolle wilde Schlittenfahrt direkt in ein imaginäres Schloss mitnimmt, bis sie ihre Augen für immer schließt.

Apropos Fantasie. Die große, L-förmig gestaltete Bühne mit ihren Felsquadern spiegelt perfekt die raue Landschaft Norwegens wider; Stimmen aus dem Off treiben die Handlung voran. Mal ertönt Ziegengemecker, wenn sich Peer Gynt ins Dorf begibt, und wenn er übers Meer reist, wird er von gewaltigen Wellengetose und Möwenschreien begleitet. Alles ist atmosphärisch-dicht und stimmig bis ins letzte noch so kleine Detail und verleiht der Inszenierung gleichermaßen einen realistischen wie märchenhaften Charakter. Genauso wie die Kostüme, um deren richtigen Sitz sich Christine Dux verdient gemacht hat.

Als verarmter Mann kehrt Peer Gynt am Ende heim. Einsam auf einem Quader sitzend, zerlegt er eine Zwiebel in ihre Schichten. Und muss erkennen, dass sie zwar viele Häute, aber keinen Kern hat. Genau wie er. Mit der imposanten Inszenierung von Ibsens dramatischem Gedicht ist es Eberhard Busch gelungen, ein weiteres Highlight in der 30-jährigen Geschichte des kleinen Theaters zu setzen. Was ihm sein begeistertes Publikum mit Standing Ovations dankte.

 

Quelle: http://www.badische-zeitung.de/staufen/peer-gynt-und-die-alternativen-fakten–136332694.html